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22.08.2012

Fehlende Tradition als Vorteil?

Dietmar Hopp sieht Hoffenheim finanziell gesunden| © /Firo/

"Retortenclubs" wie die TSG Hoffenheim genießen nicht gerade allerhöchste Anerkennung in der Fanszene. Doch fehlende Tradition könne sogar von Vorteil sein, befindet Oliver Kahn in seinem 19. Fanorakel-Blog.

Servus liebe Fanorakel-User,
 
beim Spiel zwischen Dortmund und Hoffenheim blieb es diesmal recht ruhig. Den Dortmunder Anhängern fehlte offenbar das Feindbild. Die bei den BVB-Fans unbeliebte und abfällig als „Retortenclub“ bezeichnete TSG reiste ohne Mäzen Dietmar Hopp an, weil dieser befürchtete, wie in der Vergangenheit Zielscheibe von Dortmunder Schmähgesängen zu werden.
 
Dabei habe ich es nie verstanden, dass Dietmar Hopp immer wieder Ziel von Anfeindungen ist. Hopp hat Strukturen geschaffen, engagiert sich für den Sport in Hoffenheim und Umgebung sowie vielen sozialen Projekten. Das verdient Anerkennung, nicht Ablehnung.
 
Seit Jahren bemüht sich das von Hopp ins Leben gerufene Projekt „TSG Hoffenheim“, aus der Retorten-Schublade heraus zu kommen. Da der Verein keine lange Tradition und noch keine Fankultur, die über Jahrzehnte wachsen und gedeihen muss, hat, ist das nicht ganz einfach.
 
Raus aus der Retorte – aber wie?
 
Was kann ein Verein wie Hoffenheim dagegen unternehmen?
Das Wichtigste ist, dass sich Menschen in der Region und darüber hinaus mit dem Verein identifizieren können. Dazu bedarf es bedarf einer klaren Markenstrategie. Die TSG arbeitet in allen Bereichen höchst professionell. Was dort geschaffen wurde, gehört zum Innovativsten, was es in der Bundesliga gibt. Insbesondere im Nachwuchsbereich arbeitet der Club nach einem durchgängig konzeptionellen Aufbau und will verstärkt auf Talente aus der Region setzen. Der Effekt wird sich allerdings erst in einigen Jahren bemerkbar machen, noch spielt keiner aus dem eigenen Nachwuchsbereich eine Rolle in der ersten Mannschaft. Das ist nicht verwunderlich, denn jedes nachhaltige Konzept benötigt vor allem eins: Zeit.
 
Identifikationsfiguren benötigt
 
Um der Retorten-Schublade zu entfliehen, werden Identifikationsfiguren aber benötigt. Eine solche hat 1899 in Trainer Holger Stanislawski gefunden, der das Gesicht der TSG mittelfristig prägen kann. Bayer Leverkusen hat vor einigen Jahren mit der Verpflichtung von Rudi Völler ähnliches gemacht und so einen Imagewandel vollzogen. Den Werks-Club nimmt man öffentlich kaum mehr als Retortenclub wahr. Allerdings war dies auch ein Prozess, der Jahrzehnte dauerte. In den Anfängen meiner Profikarriere war dies noch ganz anders.
 
Die Schaffung einer vereinseigenen Spielkultur, einem System, das im kompletten Jugendbereich bis hin zur ersten Mannschaft durchgängig gespielt wird, erfordert ebenfalls Zeit. Die TSG muss sich differenzieren von der Konkurrenz und dem Verein einen eigenen Stempel aufdrücken. Auch ohne Tradition Bedeutung zu schaffen, das ist die Kunst.
 
Fehlende Tradition kann es sogar erleichtern, effiziente Strukturen im Verein aufzubauen und umzusetzen. Die Clubkulturen der Traditionsvereine sind immer noch sehr durch ihre Vergangenheit als Non-Profit-Organisationen geprägt, was dazu führt, dass sich ein zu starker Einfluss von traditionellen Werten und Normen hemmend auf die Clubentwicklung auswirkt. Wie häufig hat man schon erlebt, dass sich auf emotional aufgeladenen Mitgliederversammlungen bestimmte Gruppen auf traditionelle Werte beriefen und so ihrem Verein letztlich mehr schadeten als halfen.
Hier hat die TSG durch ihre fehlende Tradition einen Vorteil, den es zu nutzen gilt. In einigen Jahren könnte sich 1899 Hoffenheim so zu einem modernen, wertvollen und beliebten Fußballunternehmen entwickeln.
 
Auf fanorakel.de haben wir ein großes Voting zum Thema „Retortenclubs“ gestartet. Macht mit, mich interessiert es sehr, was Ihr dazu denkt.
 
Euer
Oliver Kahn



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